Welche Produktkategorien sind vom EU Digital Product Passport betroffen?

Der EU Digital Product Passport gilt zunächst verpflichtend für Batterien ab Februar 2027. Danach folgen Textilien, Elektronik, Stahl, Aluminium und Möbel — gestaffelt bis 2030. Maschinen- und Anlagenbauer sind zwar nicht in der ersten Welle, aber als Zulieferer betroffener Branchen indirekt betroffen.

Nick Petrovic

Co-Founder

Insight

Welche Produktkategorien sind vom EU Digital Product Passport betroffen?

Seit Juli 2024 ist die ESPR-Verordnung in Kraft. Für Einkäufer, Produktmanager und Hersteller industrieller Güter stellt sich eine zentrale Frage: Welche Produkte fallen unter den Digital Product Passport — und wann? Dieser Artikel listet die priorisierten Kategorien, erklärt die Zeitpläne und zeigt, wie auch Zulieferer ohne eigene DPP-Pflicht bereits jetzt betroffen sind.

Kurzantwort: Der EU Digital Product Passport gilt zunächst verpflichtend für Batterien ab Februar 2027. Danach folgen Textilien, Elektronik, Stahl, Aluminium und Möbel — gestaffelt bis 2030. Maschinen- und Anlagenbauer sind zwar nicht in der ersten Welle, aber als Zulieferer betroffener Branchen indirekt betroffen.

Was ist der EU Digital Product Passport?

Der Digital Product Passport ist ein digitaler Datenträger, der produktbezogene Informationen über den gesamten Lebenszyklus speichert. Er enthält Angaben zu Materialien, Herkunft, Reparierbarkeit und Entsorgung. Die rechtliche Grundlage ist die Ökodesign-Verordnung ESPR (EU) 2024/1781, die im Juli 2024 in Kraft trat. Die EU-Kommission konkretisiert die Anforderungen pro Produktkategorie durch delegierte Rechtsakte. Batterien sind aktuell die einzige Kategorie mit bereits verabschiedetem Rechtsakt.

Warum ist das wichtig für Industrieunternehmen?

Der DPP verändert, wie Produktdaten entlang der Lieferkette fließen. Wer Produkte in der EU in Verkehr bringt, muss künftig maschinenlesbare Datenpässe bereitstellen. Das betrifft nicht nur OEMs — auch Lieferanten müssen Materialzertifikate, technische Daten und Nachhaltigkeitsnachweise digital verfügbar machen. Unternehmen, die jetzt keine Dateninfrastruktur aufbauen, riskieren Lieferkettenkonflikte ab 2027.

Diese Produktkategorien hat die EU-Kommission priorisiert

Die EU-Kommission hat im ESPR-Arbeitsplan eine Liste prioritärer Produktgruppen veröffentlicht. Die Reihenfolge orientiert sich an Umweltwirkung, Marktvolumen und technischer Machbarkeit.

Batterien — erste verpflichtende Kategorie

Batterien sind die erste Kategorie mit einer gesetzlich verankerten DPP-Pflicht. Die Batterienverordnung (EU) 2023/1542 schreibt den DPP für Industrie-, E-Fahrzeug- und Leichtfahrzeug-Batterien ab Februar 2027 vor. Betroffen sind alle Batterien ≥ 2 kWh sowie alle Traktionsbatterien für Pkw und Nutzfahrzeuge.

Textilien und Bekleidung

Textilien stehen an zweiter Stelle der ESPR-Prioritätsliste. Die EU-Kommission plant delegierte Rechtsakte für Bekleidung und Schuhwerk bis 2026. Ziel ist die Offenlegung von Faserzusammensetzung, Wasserverbrauch und Recyclingfähigkeit.

Elektronik und IKT-Geräte

Smartphones, Tablets, Laptops und Industriecomputer sind Teil der zweiten DPP-Welle. Bestehende Ökodesign-Regelungen für Elektromotoren und Transformatoren werden um DPP-Anforderungen erweitert.

Stahl und Aluminium

Stahl und Aluminium gelten als Hochprioritätskategorien aufgrund ihrer CO₂-Intensität. Die EU-Kommission plant DPP-Anforderungen bis 2027, mit Fokus auf CO₂-Fußabdruck und Rezyklateinsatz.

Möbel

Für Möbel ist ein delegierter Rechtsakt bis 2027 geplant. Im Mittelpunkt stehen Rohstoffherkunft, Schadstofffreiheit und Demontierbarkeit.

Weitere Kategorien: Reifen, Chemikalien, Farben

Zusätzlich sind Reifen, Farben, Schmierstoffe, Reinigungsmittel und ausgewählte Chemikalien im ESPR-Arbeitsplan erfasst. Für Spielzeug und Verpackungen laufen vorbereitende Studien der EU-Kommission.

Zeitliche Staffelung: Wer muss wann liefern?

Die EU staffelt die DPP-Einführung in drei Wellen.

Welle 1 — ab 2027 (Batterien, bereits verabschiedet)

  • Industriebatterien ≥ 2 kWh: verpflichtend ab 18. Februar 2027

  • Traktionsbatterien für E-Fahrzeuge: verpflichtend ab 18. Februar 2027

  • Batterien für Leichttransportmittel (z. B. E-Bikes): verpflichtend ab 18. Februar 2027

Welle 2 — 2026–2028 (delegierte Rechtsakte in Vorbereitung)

  • Textilien und Bekleidung: delegierter Rechtsakt erwartet 2026

  • Elektronik und IKT: delegierter Rechtsakt erwartet 2027

  • Stahl und Aluminium: delegierter Rechtsakt erwartet 2027

Welle 3 — 2028–2030 (weitere Kategorien)

  • Möbel, Reifen, Chemikalien: delegierte Rechtsakte bis 2030 geplant

  • Maschinen und Industrieanlagen: durch Lieferketteneffekte indirekt betroffen

Die exakten Fristen für Welle 2 und 3 stehen noch unter Vorbehalt. Delegierte Rechtsakte können sich verzögern.

Besondere Relevanz für den Maschinen- und Anlagenbau

Maschinen und Anlagen sind bisher nicht in der ersten Prioritätsliste der EU-Kommission. Dennoch sind Maschinenbauer aus zwei Gründen direkt betroffen.

Erstens: Wer Maschinen für die Batterieproduktion oder Textilverarbeitung liefert, beliefert Kunden mit DPP-Pflicht. Diese Kunden werden Produktdaten ihrer Lieferanten einfordern. Zweitens: Die EU-Kommission hat Industriemaschinen als mittelfristiges ESPR-Ziel benannt. Ein delegierter Rechtsakt ist wahrscheinlich — der Zeitpunkt ist noch offen.

Für Maschinenbauer gilt: Datenstrukturen aufbauen, bevor externe Anforderungen es erzwingen.

Lieferketteneffekt: Auch Tier-2 und Tier-3 Zulieferer sind betroffen

Der DPP erzeugt einen Datenzug durch die gesamte Lieferkette. Ein Batteriehersteller benötigt für seinen eigenen DPP Materialzertifikate und CO₂-Daten von Komponentenlieferanten. Diese wiederum brauchen Daten von ihren Rohstofflieferanten.

Konkret: Ein Tier-3-Lieferant von Kupferprofilen für Busbars beliefert einen Tier-2-Kondensatorhersteller. Dieser liefert an Batteriehersteller mit DPP-Pflicht. Der Batteriehersteller wird Datenpässe von Tier-2 und Tier-3 einfordern — spätestens ab 2026.

Wer als Zulieferer keine standardisierten Produktdaten liefern kann, riskiert den Auftragsverlust. Das gilt unabhängig davon, ob das eigene Produkt formell unter den DPP fällt.

So prüfen Sie, ob Ihr Produktportfolio betroffen ist

Schritt 1: ESPR-Arbeitsplan prüfen

Die EU-Kommission veröffentlicht den aktuellen Arbeitsplan auf ec.europa.eu. Vergleichen Sie Ihre Produktkategorien mit der offiziellen Liste.

Schritt 2: Direkte DPP-Pflicht identifizieren

Prüfen Sie, ob Ihre Produkte unter die Batterienverordnung 2023/1542 fallen. Alle anderen Kategorien warten noch auf delegierte Rechtsakte.

Schritt 3: Indirekte Betroffenheit analysieren

Prüfen Sie, wen Sie beliefern. Kunden in Batterie-, Textil-, Stahl- oder Elektronikindustrie werden spätestens 2026 Datenanfragen stellen.

Schritt 4: Lieferkette kartieren

Erstellen Sie eine Übersicht, welche Komponenten und Materialien in Ihre Produkte fließen. DPP-Daten müssen tief in der Lieferkette verfügbar sein.

Schritt 5: Datenlücken identifizieren

Vergleichen Sie, welche DPP-Attribute — CO₂-Fußabdruck, Materialherkunft, Recyclingquote — Sie heute bereits dokumentieren, und wo Lücken bestehen.

Schritt 6: Datenstruktur aufbauen

Investieren Sie in Systeme, die Produktdaten strukturiert erfassen und maschinenlesbar exportieren. Das schafft Compliance-Readiness für mehrere Wellen gleichzeitig.

Häufige Fragen zum EU Digital Product Passport

Gilt der DPP nur für Produkte, die in der EU hergestellt werden?

Nein. Der DPP gilt für alle Produkte, die auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht werden — unabhängig vom Herstellungsort. Importierte Waren unterliegen denselben Anforderungen wie EU-Produkte.

Müssen KMU denselben DPP erstellen wie Großunternehmen?

Grundsätzlich ja — sobald ein delegierter Rechtsakt für eine Kategorie gilt. Die EU-Kommission prüft vereinfachte Anforderungen und längere Übergangsfristen für KMU. Details stehen in den jeweiligen delegierten Rechtsakten.

Was passiert, wenn ich keinen DPP habe?

Produkte ohne DPP dürfen ab dem jeweiligen Stichtag nicht mehr auf dem EU-Markt in Verkehr gebracht werden. Verstöße werden durch nationale Marktaufsichtsbehörden sanktioniert.

Wie hängen DPP und CSRD zusammen?

Beide Regelwerke fordern Transparenz über Lieferketten und Umweltauswirkungen. CSRD betrifft die Unternehmensberichterstattung, DPP die Produktebene. Unternehmen können Synergien nutzen, wenn Datenstrukturen frühzeitig aufgebaut werden.

Kann ich als Zulieferer den DPP meines Kunden beeinflussen?

Ja — direkt. Wenn Sie keine vollständigen Produktdaten liefern, kann Ihr Kunde seinen eigenen DPP nicht befüllen. Die Datenqualität auf Zuliefererebene entscheidet über die Compliance auf OEM-Ebene.

Fazit

Der EU Digital Product Passport betrifft ab 2027 zunächst Batterien — dann folgen Textilien, Elektronik, Stahl, Aluminium und weitere Kategorien bis 2030. Maschinen- und Anlagenbauer stehen nicht in der ersten Welle, sind aber als Zulieferer betroffener Industrien bereits heute gefordert. Wer jetzt Produktdaten strukturiert und Lieferketten kartiert, schützt sich vor Compliance-Risiken und sichert seine Position als verlässlicher Lieferkettenpartner.

Quellen

¹ Verordnung (EU) 2024/1781 des Europäischen Parlaments und des Rates — Ökodesign-Verordnung (ESPR), Juli 2024

² Verordnung (EU) 2023/1542 — Batterienverordnung, Juli 2023

³ Europäische Kommission: ESPR Ecodesign Working Plan, ec.europa.eu/environment

Share on LinkedIn